Kategorie-Archiv: Gedanken, Worte, Texte, ich

Unter dieser Kategorie findet Ihr lose Gedanken, Texte, mal eher lyrisch, mal eher Prosa von mir.

Zwischen fröhlich und berührt

Letzter Tage habe ich tolle Fotos von Lulugraphie / Luisa & André Sole bekommen. Die beiden haben eine Hochzeit begleitet, bei der wir die Zeremonie nach dem Essen in den frühen Abendstunden gehalten haben, sehr coole Zeit! Seiter überleg ich, welches dieser beiden Bilder ich euch zeigen soll, was ich dazu sagen möchte.
Die Fotos zeigen zwei ganz unterschiedliche Momente der Hochzeit von Pia und Michael auf dem Der Kirsch-Hof
Aber irgendwie gehören diese beiden Fotos zusammen, denn sie treffen so genau das, was für mich eine Freie Trauung ausmacht: Die Balance, das Ineinandergreifen verschiedenster Emotionen und Situationen.
Auf der einen Seite: total fröhliche, ungezwungene, lockere Momente.
Wie der Augenblick mit Pancho, einem der beiden Dackel mit denen die Braut aufgewachsen ist. Natürlich waren die beiden Hunde dabei, hatten die Ringe am Halsband. Naja, und wer kann diesem Dackelblick schon wiederstehen – spontane Hunde-Kraulerei… <3.
Auf der anderen Seite gehören für mich zu Trauungen auch immer die ruhigen, stillen Momente.
Innehalten an einem wichtigen, schnellen, aufregenden Tag. Einen Augenblick des „Nichts Tuns“, zum Seele-Baumeln lassen, zum Glücklich sein. Wie der Augenblick, als die beste Freundin einen Song von Muse auf dem Keyboard spielt. Das war so unglaublich berührend. Kennt Ihr das? Wenn ganz sanfte Augeblick unglaublich viel Kraft verströmen?
Danke Pia und Michael.

Es wundervoll, in der blauen Stunde diese tolle Hochzeit mit Euch zu feiern.

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Ich komm ausm Pott – eine Liebeserklärung

Das Ruhrgebiet  – eine Region im Wandel – oder so ähnlich ist seit einigen Jahren der Spruch, mit dem sich der Pott offiziell nach außen hin präsentiert.
Wandel, Veränderung, Neues.
Es gibt zur Zeit viele tolle kleine und große Projekte, die sich mit dem Pott beschäftigen, Fees Blog feeistmeinname und natürlich Julis heimatPOTTential, soviel Läden mit Krimskams, Deko-Schnick mit Pott-Bezug. Soviele Fotos, Bilder. Und ich schau hin und drauf und zu und freu mich. Ich sehe Zechen, abgerockte Bauwerke, Rost, Verfall. Grubenlampen, Zechenhäuser, Bergmannshemden, Haldenromatik. Und dann frag ich mich manchmal:
Boah, sach mal, kleben wir eigentlich wie doof an dem alten Zeuchs fest?
Ist das so? Warum präsentiert sich „die Region im Wandel“, die Metropole Ruhr so gern mit den „Klischees“, dem Alten. Ich seh das alles, und überleg:
Ist das meine Realität? Ist das Eure Lebenswirklichkeit?
Denn, mal ehrlich, ich bin vor 38 Jahren in Essen geboren (das Krankenhaus ist übrigens auch weg-gewandelt worden…). Meine Eltern kommen beide nicht aus Essen, „Omma“ war verboten, „Oma“, mit spitzen „o“ war angesagt. Da Mama aus Schleswig kam, wurde bei uns geklingelt und nicht geschellt und ich weiß, dass ne Handeule nicht fliegen kann, wohl aber Gewölle sammelt.
Ich kenne niemanden, der auf Zeche war, niemanden mit Staublunge, und die Wäsche kam nie dreckiger vom Balkon rein, als sie nass aufgehängt wurde (auch wenn meine Familie vom Niederrhein das bis Mitte der 90er Jahre nicht glauben wollte).
Mit Kohle haben wir Hinkelkästchen auf den Bürgersteig gemalt, denn den schwarzen Stein konnten wir einfach so aus dem Hang prockeln. Der Vater meiner liebsten Freundin war Taubenvatter, andere Väter haben sonntags vormittags Frühschoppen gemacht: in der Pinte anne Ecke Pilsken trinken.
All diese Erfahrungen haben mich mitgeprägt, und ich sage heute voller Entspannung und sehr gerne: ich komm ausm Pott, und hier is geil super! Und viele meiner Freunde, jünger und älter sagen das auch so, genau so.
Wir identifizieren uns mit dem Pott, ich mach das, sehr gern, erstaunlich oft. Damit, wie man hier so ist… oder wie wir finden, dass wir sind:
direkt, herzlich, auf dem Boden, ein bisschen rauhe Schale manchmal, oft darunter butterweich, so wie Schimanski… immer schnell dabei, wenn´s um klare Worte geht, und der Erste, der seine olle Jacke zum Wärmen weiter gibt.
Die Menschen hier sind schnell, so empfinden es auch die von außerhalb, schnell im Denken UND im Sprechen, wir reden überhaupt viel, zur Not auch mal ein Kotelett an die Backe des Gegenübers und wir reden tacheless.
Eine Region im Wandel. Ja, es wandelt sich etwas, es entwickelt sich was: das „wir„. Das ist nicht neu, das Ruhrgebiet gibt es nicht erst seit gestern. Doch jetzt, heute, empfinden wir z.B. unsere Art zu reden nicht mehr als „schlechtes Deutsch“, dat und wat sind genauso hoffähig wie das bayrisch des Kaiser Franz (Beckenbauer), und spätestens seit der facebook-gruppe  Dinge, die einer ausm Pott nicht sagt… wird mir selbst erst klar, wie viele „endogene“ Worte, Begriffe, Sprüche es hier gibt, die vielleicht keiner außer uns versteht.
Ich bin weder Linguistin noch Soziologin. Ich betrachte die Welt um mich herum, höre zu, schaue hin, denk mir meinen Teil, bewerte das alles fröhlich… und dann hau ich meine Sicht der Dinge in die Welt hinaus, so macht man das hier. Wennse nich wills, kannse ja gehn.
Also, warum Zechen und Co.?
Ganz einfach: wegen des „wir„.
Zechen, Industriekultur, Bergbau in dieser Form, Stahlindustrie mit Rost und Grün und Buschwindrosen hat sonst keine andere Region.
Damit unterscheiden wir uns, das macht uns besonders. Moderne Architektur, Kunst im Raum, Kultur, Zoos, Museen sind sicher besonders, jeder für sich. Aber gibt es eben in vielen großen, kleinen Städten und Regionen.
Ich mach sehr gerne Stadtfahrten mit Freunden, Familie, die nicht aus Essen sind. Bei diesen Touren versuche ich den Menschen das zu zeigen, was uns, den Pott ausmacht, das Besondere und das Andere. Meine Familie aus Hamburg hat beim Rundumblick auf den Pott von der Schurenbach Halde in Altenessen gefragt: „Sind das echte Berge hier?“. Denn Halde kennt man nicht in Hamburg.
In Erinnerung bleibt uns meist das Besondere, das, was unterscheidet. WIR sind die mit den Zechen. So wie die Bayerin immer Dirndln trägt und jeder Ostfriese ne Buddel Rum in der Tasche hat.
Und wir sind die mit dem „ganz Vielen“.
Denn auch das ist der Pott: die Vielfalt. Das Nebeneinander von Dreck und rausgeputz. Von alt und neu, abgerockt und aufgerüscht. Und nicht zuletzt von Industrie und Grün. Auch das zeige ich den Gästen. Die Vielfalt zum Beispiel in Essen.
Zeche Zollverein,  Katernberg,      Margharetenhöhe, Baldeneysee, Kettwig,   Rüttenscheid
Zeche,                  rauhe Gegend, Gartenstadt,          Oase,            Dörfchen,  Ausgehen.
[und noch so viel mehr…]
Es ist egal, dass die Zechen abgetäuft sind, sich die Montanindustrie, die Industrie insgesamt so sehr wandelt. Die Reste, die Bauwerke sind da. Sie stehen in der Gegend rum, prägen die Landschaft, genauso wie die vielen Wälder und grünen Oasen.
Unterscheiden erstmal optisch das Ruhrgebiet von Küstenlandschaften und dem Voralpenland.
Und aus dem, was uns von anderen unterscheidet, entsteht auch wieder Identität, Zusammengehörigkeit.
Und genau deshalb find ich die Pottromantik super, mag ich Sonnenuntergänge auf Halden, gehören die nächtlichen Schachtzeichen für mich zu den schönsten Augenblicken der Ruhr 2010.
Ich mag, was mich mit den Menschen hier verbindet, diese einzigartige Kultur-Landschaft. Die Vielfalt. Die unterschiedlichen Perspektiven, das Nebeneinander. Ich mag die Menschen, die natürlich nicht alle „so sind wie“, sondern unterschiedlich, bunt, wie die Region. Ich mag das „wir“, den Pott, mit allen Ecken und Kanten, und das es hier so wild und laut und dreckig und alt ist. Und grün und sanft und leise und fortschritlich.

Ich komm ausm Pott.

Wichtig ist, was wichtig ist.

Ich streiche grad an meiner selbstgebastelten Pflanzenleiter, draußen, bei Nacht unter den Sternen, unter den Wolken, und lasse meine Gedanken fliegen. Durch den Tag, die Nacht, die Zeit. Ganz oft findet mich in solcher Stund ein Lied, eine Melodie, Worte, Gedanken:

So einige Trauungen durfte ich dieses Jahr schon mitgestalten, dabei sein, wenn Menschen ihr Glück, Ihre Freude teilen. Ich habe den besten Platz dort vorne, schaue nicht nur das Brautpaar, sondern auch die Gäste an. Sehe Spannung, Erwartung, Freude, Nähe, Lachen, Tränen, Rührung
Ich berühre Menschen mit meinen Worten, höre  ich manchmal. Ich glaube, dass kommt auch daher, weil ich mich berühren lasse: von dem, was mir Menschen erzählen, mir die Paare im Vorfeld anvertrauen, lasse mich anrühren von den schönen, manchmal lustigen, manchmal romantischen Erlebnissen, bis es zur Trauung kam. Und ich höre auch von dem, was sich oft unbemerkt an diesem Tag in den Herzen der Menschen abspielt, von den Tälern, die durschritten werden wollen, den dunklen Stunden, die es zu überwinden gilt,von so manchem Hinderniss, und allesamt gehören auch sie zu jedem Lebensweg.
Viele Gäste kommen zu einer Hochzeit, und doch fehlen auch oft wichtige Menschen, können nicht dabei sein. Aus einfachen, praktischen Gründen, der Weg ist zu weit, es gilt, Haus und Hof und Tiere zu versorgen, und  niemand ist da, der das übernehmen könnte. Es fehlen aber auch Menschen, die verstorben sind, die nicht mehr bei uns sind. Egal, ob dieser Verlust ganz frisch, oder zumindest kalendarisch schon einige Zeit vergangen ist. Menschen, die fehlen, fehlen immer. Fehlen uns besonders dann, wenn es wichtig wird. Bei Geburstagen, Weihnachten, großen Partys, und vor allem, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
Niemand kann diese Menschen ersetzen, die Lücke füllen, die sie hinterlassen. Aber wir können ihnen Platz einräumen. Sie in unserem Herzen bewahren, über sie reden.
Eine Hochzeit ist ein Freudentag, eine Feier, die im besten Fall in einer fetten Party mündet  und keine Gedenkstunde für Verstorbene. Doch wenn es Menschen gibt, die schmerzlich vermisst werden, mach ich sie gern hörbar, erwähne sie. Direkt oder nur angedeutet, so wie es gut ist.
Denn was wichtig ist, darf wichtig sein. Was wichtig ist, darf genannt, darf gehört werden.
Wichtig ist, was wichtig ist.
Dazu gehört dann auch, sich zwischendurch dessen gewahr zu werden.
Was ist wichtig. Worum geht es.
Jetzt, hier. Bei dieser Trauung, der Hochzeitsfeier genauso wie Angesichts schwerer Krankheit, bei Verlust, erlittenem oder vielleicht anstehendem. Durch diese tiefen Erfahrung von Freude und Leid, ganz oft ganz dicht beeinander, gewinnen vielleicht andere Dinge Wichtigkeit, verlagert sich der Schwerpunkt, gerät unsere Welt aus den Angeln, um sich dann irgendwann irgendwie wieder einzupendeln. Diese neu justierte Haltung gewährt uns dann vielleicht  manchmal eine neue Freiheit. Zu denken, erst einmal nur zu denken. Zu prüfen, und dann vielleicht einen Hauch anders zu handeln, mit neuen Schwerpunkten, anderen Zielen. Neuer Freiheit.

Zu diesen Gedanken habe ich die ganze Zeit ein Lied im Ohr, sicher aus anderen Gründen geschrieben, aber mit diesen wundervollen Textzeilen:

Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,
Blieben darunter verborgen und dann
Würde, was uns groß und wichtig erscheint,
Plötzlich nichtig und klein. Reinhard Mey

Diese Freiheit wünsch ich mir, wünsche ich Euch. Mit der Seele über den Wolken zu reisen, neue Perspektiven zu gewinnen. Diese Freiheit nehme ich mir: mich berühren zu lassen, nicht nur von den großen Dingen, sondern auch von den kleinen Erlebnissen, meinen eigenen und denen meiner, unserer Mitmenschen.

Wichtig ist, was wichtig ist.

 

 

 

Frühlingsduftluft

Manchmal können wir uns den Start in den Tag selbst verschönern:
Auf dem Weg zur Arbeit, zum Auto einfach mal kurz innehalten, tief Luft holen, denn zur Zeit gibt die Natur um uns herum was sie hat, Duft und Schönheit in verschwenderischer Fülle: Kastanien, Maiglöckchen, Kirschbäume, der wunderbare Flieder, der Kirschlorbeer in Nachbars Hecke.
Es liegt an uns, das wahrzunehmen, und uns davon beeindrucken, beeinflussen zu lassen. –
Und dann stört auch ne Minute im Regen nicht.
[geschrieben mit Blick aus dem Fenster in einen fröhlichen Mai-Regenguss…]

Flieder